Internationale Förderklasse am KBK

Datum: 24-04-2016

Und plötzlich ist alles anders - Bildungsmöglichkeiten für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge am Kerschensteiner Berufskolleg

„Guten Morgen!“ … „alles klar – und bei Ihnen?“

Ganz gewöhnliche Anfangsmomente eines Tages. Und doch kein bisschen gewöhnlich. Denn dahinter stehen Geschichten, die man lieber den Medien oder noch lieber der Literatur überlassen hätte.

Anfangsmomente eines Tages in der IFK, der internationalen Förderklasse am Kerschensteiner Berufskolleg in Bethel. Seit August 2015 treffen sich hier 15 junge Männer aus verschiedenen Nationen der Welt, um Deutsch zu lernen. Manche sind müde – „Im Wohnheim war es letzte Nacht noch um 24:00 Uhr laut, einer hat sein Zimmer gesaugt“ – manche gucken neugierig, was passiert, manche haben (scheinbar) keine Lust, andere rufen schon die ersten Unterrichtsinhalte in den Raum. Einige sind erst seit ein paar Monaten in Deutschland, einige schon länger. Einige haben in ihrem Land eine Schule besucht. Für einige ist Deutsch die erste Schriftsprache.

Eine bunte Gruppe, die sich hier versammelt mit unterschiedlichsten Erlebnissen, Vorstellungen und Gefühlen, und doch haben alle den gleichen Wunsch: In Deutschland bleiben! Und dies ohne ihre Familien: Bei der IFK am Kerschensteiner Berufskolleg handelt es sich überwiegend um sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Als diese fallen sie in Deutschland unter das Gesetz der Schulpflicht. Für das Kerschensteiner Berufskolleg sind es vor allem Menschen, denen geholfen werden muss. Vor dem Hintergrund seines diakonischen Profils hat das Kerschensteiner Berufskolleg darum im vergangenen Jahr eine IFK eingerichtet  – und stellt sich nun den Herausforderungen, die damit verbunden sind. Und plötzlich ist alles anders.

Gemeinsam versuchen wir, ein Team von fünf Lehrerinnen und Lehrern, mit den jungen Männern die deutsche Sprache zu zähmen, uns die fremden Wörter zum Freund zu machen. Der Vormittag ist lang. Fünf Stunden Deutsch. An drei Tagen in der Woche. Fünf Stunden Wörter, die fremd sind. Fünf Stunden mit einer Sprache, deren Sätze so unheimlich kompliziert gebildet werden. Dabei suchen wir nach Sprachanlässen aus der Lebenswirklichkeit der Schüler. Irgendwann ist das Wortfeld Familie dran. Und dazu die richtigen Pronomen. Seine Schwester. Ihre Schwester. Dein Bruder. Unser Bruder. Sein Vater. Mein Vater. Ich weiß nicht, ob mein Vater noch lebt.

Geschichten, die uns als Lehrende nachdenklich machen. Wir haben das Privileg, das Wort des Jahres 2015 in unserer Schule hautnah zu erleben. Flüchtling ist hier kein Wort, sondern ein Gesicht, für das wir Verantwortung übernehmen möchten. Als Lehrende, als Schule und als Einrichtung von Bethel. Auch wenn es schwierig ist. Manchmal sehr schwierig.

Der Vormittag ist lang. Um 10:30 Uhr wird es laut: „Ich habe Kopfschmerzen.“ - „Ist das richtig oder falsch?“ – „Komm mal.“ – „Kann ich nach Hause gehen? Mir geht es nicht gut.“ Da, wo Schüler fast alles neu lernen, ist vielfach Unterstützung notwendig. Binnendifferenzierung ist hier keine Möglichkeit, sondern Notwendigkeit. Manchmal können wir zu zweit unterrichten, das macht die Sache leichter.

Und immer wieder hört man arabische Erklärungen, persische Streitgespräche, Fragen auf somalisch… es herrscht Unruhe und der Wille, deutsch zu können. Und immer  wieder versuchen wir Lehrer, Ruhe und Aufmerksamkeit in den Raum zu bringen. Die Ruhe, die wir brauchen, um in unserer Kultur zu lernen. Wir schlichten Streit und bitten auch mal jemanden vor die Tür, wenn es gar nicht geht.

Schon vor dieser Klasse haben wir einzelne Flüchtlinge in unseren Klassen unterrichtet. Der erste von ihnen macht jetzt eine Ausbildung.

Das ist auch das Ziel der internationalen Förderklasse: Lernen, um einen Beruf ergreifen zu können. Durch sein Tun teilhaben an einer Gesellschaft, die damit vielleicht zu einer neuen Heimat werden kann.  Oder es den jungen Menschen ermöglicht, mit diesem Wissen an einem anderen Ort Wurzeln zu schlagen. Darum lernen die Jugendlichen aus Somalia, Afghanistan, Syrien und anderen Ländern auch nicht nur Deutsch. An den zwei weiteren Schultagen beschäftigen sich die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge mit Landeskunde, lernen Mathe, setzen sich mit Wirtschaft auseinander und machen Sport. Im Fach Lebenskunde stehen die Fragen ihres Alltags im Mittelpunkt. Im Fach Technik lernen sie Fachwörter, die sie für die Berufe benötigen, die sie lernen wollen.

Auf der bisherigen Wunschliste stehen KFZ-Mechaniker oder –pfleger, Elektriker, Gartenbau oder EDV. Einige haben keine Vorstellungen von dem, was sie machen wollen. Und wahrscheinlich gibt es noch viel weniger Vorstellungen davon, was vielleicht möglich wäre.

Doch wie erkennt und fördert man die Talente und Kompetenzen von jungen Menschen, die nicht nur mit der deutschen Sprache und der fremden Kultur, sondern mit der Trennung von ihren Familien zu kämpfen haben? Die nach außen hin lustlos erscheinen oder unkonzentriert? Und dabei einfach noch keine neuen Wurzeln schlagen konnten? Herkömmliche Didaktik hilft hier nicht (alleine) weiter.

Dafür vielleicht Praktika. Diese sind in den Bildungsgang für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge am Kerschensteiner Berufskolleg integriert. Dadurch sollen die jungen Männer Einblick in unterschiedlichste Berufe erhalten und so eine Entscheidungshilfe für ihre Berufswahl bekommen. Dafür arbeiten die jungen Männer in unterschiedlichsten Betheler oder anderen Einrichtungen. Zum Beispiel in der Küche des BBW. Oder im Pius-Pflegeheim. Oder dem Malerbetrieb Bethel.

Gelegenheiten für die Schüler, Fuß zu fassen. Gelegenheiten für andere Menschen, zu erleben, welche Bereicherung sie als Menschen für uns sein können. Zu erleben, dass die Geschichten aus den Medien nur ein Teil von dem widerspiegeln, was ist.

Wir kämpfen second hand mit dem, was die jungen Flüchtlinge mitbringen, wir ringen gemeinsam mit ihrem unsichtbaren Gepäck an Verstörungen, Spannungen und Hoffnungen. Wir alle sind spätestens um 11:00 Uhr erschöpft, aber der Unterrichtstag geht bis 12:20 Uhr…

„Wann gehen wir heute zum Computer?“

In der letzten Stunde lernt jeder in seinem Tempo, selbstgesteuert in einem digitalen Sprachlernprogramm. Doch auch hier sind die Unterschiede die Regel. Für den einen ist es ein Ansporn, das Programm als Spiel zu meistern, ein anderer ist noch nie zur Schule gegangen und kennt weder unsere Aufgabenstellungen, noch weiß er, wie man einen PC rauf- und runterfährt.

Auch hier wird schon mal geschrien vor Freude – „ja, alles richtig!“ oder vor Wut – „der hat mein Programm weggedrückt!“. Am Ende siegt jedoch die Faszination vor den Möglichkeiten im Netz. Sich ausdrücken, arbeiten, gewinnen, verlieren und neu versuchen, sich weltweit verlinken… das, was die Flüchtlinge nach Deutschland trieb.